Deiktische Morpheme
- lokale Deixis (Verweis auf den Kommunikationsort): Hier, dort, oben, unten...
- temporale Deixis (Verweis auf die Kommunikationszeit): heute, gestern, jetzt...
- Rollendeixis (Verweis auf Kommunikationspartner): Ich (Sprecher), wir (inklusive vs. exsklusive), du (Hörer), ihr...
- Anaphorische Deixis (Verweis auf Redekontext): Er, sie, es, der, die, das...
Die europäischen Imperialisten mit ihren Kanonen und ihrer überlegenen technologischen Kriegsmaschinerie hatten den amerikanischen Kontinent brutal erobert, besetzt und die dortigen Bewohner als "Wilde" bezeichnet. Dabei war die Urbevölkerung gar nicht so "wild" oder "primitiv" wie die Weißen glaubten, was ihre schwierig zu erlernenden indigenen Sprachen beweisen.
Wenn die Christen auf die blutigen religösen Rituale der Azteken referieren und sie als Beispiel von Grausamkeit deklarieren, sollten sie einen Spiegel benutzen und auch ihren eigenen Aberglauben in ihre Kritik einbeziehen, der so viel Unheil über die Menschen und wissenschaftliche Rückschrittlichkeit in die Welt gebracht hatte.
Rein quantitativ betrachtet waren die christlichen Europäer in ihren barbarischen Eroberungszügen nicht zu "toppen", trotz der geforderten "Feindesliebe" in ihrer heiligen Schrift.
Die schizoide Denkweise zwischen der eigenen religiösen Norm und der nicht damit korrespondierenden Umsetzung abzulegen und zu einer moralisch einwandfreien Denkhaltung anderer Völker gegenüber müssen die heutigen Europäer und vor allem die Amerikaner erst noch gelangen.
"Die Sprachen der Algonquin werden von einem sehr einfachen, jagenden und fischenden Indianern geprochen, sind aber wahre Wunder der Analyse und Synthese. Ein Beispiel ihrer grammatischen Raffinesse ist der sogenannte Obviativ. Durch diesen haben ihre Fürwörter vier statt drei Personen - von unserem Standpunkt aus - zwei dritte Personen. Das bedeutet eine starke Hilfe bei der bündigen Beschreibung komplizierter Situationen, für die wir unsere Zuflucht zu schwerfälligen Umschreibungen nehmen müssen.
Wir wollen ihre dritten und vierten Personen durch die Indizes 3 und 4 an unsere Wörter kennzeichnen. Dann könnten die Algonquin-Indianer die Geschichte von Wilhelm Tell etwa so erzählen:
'Wilhelm Tell rief seinen (3) Sohn und befahl ihm (4) ihm (3) seinen (3) Pfeil und Bogen zu bringen, die er (4) ihm (3) dann brachte. Er (3) befahl ihm (4) stille zu stehen und legte einen Apfel auf seinen (4) Kopf, nahm sodann seinen (3) Pfeil und Bogen und sagte ihm (4), er (4) brauche sich (4) nicht zu fürchten. Dann schoß er (3) den Apfel von seinem (4) Kopf, ohne ihn (4) zu verletzen.'"
(Quelle: Benjamin Lee Whorf, "Sprache - Denken - Wirklichkeit, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck bei Hamburg, 1963, Seite 68)
In der Euralinga habe ich eine schöne indianische Deixis integriert, die in manchen Sprachsituationen für mehr Klarheit sorgt und zwar ist es der Obvial (Obviativ). Er charakterisiert einen von der dritten Person entfernteren Bezug. Man kann ihn deshalb als vierte Person definieren.
Person (Singular)
1. mu (ich)
2. tu (du), vu (Sie)
3. lu (er, sie), il (er), el (sie)
4. jenu (er, sie)
Neutrum
hu (es)
Ein Beispiel wird klar machen, was die 4. Person im Textzusammenhang bedeutet.
Gebrauch ausschließlich der 3. Person:
"El dice a elu... i el réponde ad elu." (Sie sagt ihr... und sie antwortet ihr.)
Gebrauch der 3. und 4. Person:
"El dice a jenu... i jenu réponde ad elu." (Sie sagt ihr/ihm... und sie/er antwortet ihr.)
"Ein derartiges Ausdrucksmittel würde uns bei der genauen Bezeichnung komplizierter Rechtslagen sehr helfen. Wir würden endlich solche Wendungen wie 'der Unterzeichnete zu 1' und der 'vorgenannte Hans Müller soll seinerseits' etc. loswerden." (Whorf, a.a.O.)
Übertragung der Wilhelm-Tell-Geschichte mit dem Apfel nach Euralinga:
Wilhelm Tell vocía ila filéró i commendía a jenu ad apporte ad il la sagitó i arcó, cói jenu tum fería ad il. Il commendía a jenu a ste calma i ponía pomó ad epa jena tetu, prenía tum ila sagitó i arcó i dicía a jenu, jenu na bezona fobe. Tum il šutía la pomó dé jena tetu, sin ca vunde jenó.
Hallo Herr Dieckmann,
AntwortenLöschenIndianer, ihre Kulturen und Sprachen in allen Ehren. Ich mag Winnetou auch. Aber braucht man so was in einer Sprache, die sich ausdrücklich auf Europa bezieht? Schließlich kann man auch im Deutschen sagen "Ich bin, spricht jener, zum Sterben bereit" und nicht "... spricht er", ohne dass man dafür einen besonderen Oblativ braucht. Das macht es für die Leute, die Ihre Sprache lernen wollen, nur unnötig kompliziert.
Beste Grüße,
Jürgen Nehmow
Hallo Herr Nehmow,
AntwortenLöschenbeim Obvial handelt es sich um eine zweite "dritte" Person für solche Situationen, die das erfordern. In Ihrem Beispiel ist das unnötig, denn es geht hier um eine und die gleiche Person.
Ich habe meinen Post mit einem längeren Beispiel erweitert und hoffe dadurch mehr Klarheit zu schaffen.
Einen schönen Gruß
Klaus Dieckmann
Hallo Herr Dieckmann,
AntwortenLöschenDanke, das macht es etwas klarer, aber ganz sicher bin ich nicht, ob ich eine solche Form brauchen oder richtig anwenden würde.
Mir ist noch etwas aufgefallen. Wenn es Substantive gibt, die nicht auf -u enden, weil sie als substantivierte Verben oder Adjektive betrachtet werden - wie werden sie dann dekliniert? Wie würde man z. B. die Mehrzahl von "vocála" oder den Akkusativ von "collige" bilden?
Viele Grüße,
J. Nehmow
Hallo Herr Nehmow,
AntwortenLöschenich biete den Obvial erst mal an. Wie er angenommen würde, bleibt abzuwarten. In bestimmten Situationen würde er ein Nachfragen, wer denn gemeint ist, ersparen.
Plural von Nomen
auf -a: -i
auf -e: -i
Schematisch logisch wäre allerdings -ai bzw. -ei. Doch auf diese Endungen habe nach einigen Sprachexperimenten verzichtet, auch unter dem Hintergrund dass noch der Akkusativ analog bezeichnet werden müsste: -aó bzw. -eó. Mit der Endung -eó könnte ich mich wegen des schönen Klangs anfreunden.
Gerade den esperantischen Schematismus möchte ich vermeiden. Ausnahmen von der Regel sind in natürlichen Sprachen immer anzutreffen, oft aus bestimmten sprachökonomischen Gründen oder um die Aussprache zu erleichtern.
Einen schönen Gruß
Klaus Dieckmann